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“Basic Instincts”

 “Basic instincts”

 

“Jetzt reicht’s mir” sagte meine Frau, und zwar mit dem Ausdruck in der Stimme, daß man ihre Worte ernst nehmen mußte.

 “Wo von reicht’s Dir?” fragte ich unschuldig.

“Mit diesem Klettern! Jedes schöne Wochenende verbringst Du in den Bergen.”

Okay, gut, sie hatte ja teilweise Recht. Wenigstens ein bißchen, denn dieses Jahr war ich  erst vierzehn, höchstens fünfzehn Wochenenden in den Alpen unterwegs -....., da müßte ich jetzt direkt überlegen, das war nicht öfters als,.....na ja, zuhause war ich vielleicht drei.

“Und deshalb habe ich mich entschlossen,” fuhr Sie fort, und das klang so bedrohlich, daß jetzt eigentlich nur etwas von der Qualität einer halbstündigen Bildungsreise nach Lüdenscheid kommen konnte.

 Aber nein, es kam viel schlimmer.       “Klettern zu lernen”.

“Was sagst du da? Ich bin mir nicht sicher ob ich dich richtig verstanden habe, sagtest Du klettern?”

“Ja”

“Du meinst klettern? Diesen Sport für kindische Männer mit Himalaya Entzugstrauma, mit diesen geschmacklos kitschigen bunten Seilen und den Kinderschühchen an den Beinen, die nur über Gurte, Magnesia, Überhänge und Wände reden  können?” fragte ich. Und was antwortete sie?   Sie sagte: “Ja”.

Da hatten wir, bzw. ich den Salat. Ich sah mich schon Wochenende für Wochenende an Anfängerfelsen stehen, wie ich versuchte diesem typisch weiblichen, ungeschickten Anfänger die elementaren Grundbegriffe des Kletterns beizubringen.

Jede Gegenrede vergeblich.

Na, das würde was werden. Wenn ich allein schon daran dachte das alle Kumpels sich an der Wand vor Lachen biegen werden, oh Mann!

Aber vielleicht gibt es ja irgendwo einen winzigen Felsen, den keiner kennt. Am besten tief im Wald, abseits jeglicher Zivilisation, wo uns niemand bemerkt.

So oder ähnlich  galoppierten gerade die Gedanken durch meine Rübe, als Sie mit der nächsten Überraschung ankam.

“Ich habe einen Kletterkurs fürs Wochenende gebucht.”

Herrlich, das war die Erlösung für mich. Ein Gefühl wie sechs  Richtige im Lotto. Diese Nummer war ich also los. Sollte sich doch irgendein langhaariger Kletterschultyp mit Ihr abärgern, ist ja schließlich sein Job. Und außerdem bin ich die Blamage los, daß ausgerechnet meine Frau  sich so blöd anstellt.

“Und eh ich’s noch vergesse”, fügte Sie hinzu, “du bist dabei, das ist so ein Partnerkurs. Find’ ich super, wenn der Freund oder Partner dabei ist. Das nimmt einem die Nervosität,” –meine Begeisterung kann mann sich vorstellen- “und Du lernst gleich, wie man richtig mit Anfängern umgeht.”

Als ob ich das nicht wüßte: heimschicken, damit mehr Platz an den Felsen ist.

Schon bevor es in den  Kurs ging, begann Sie zu büffeln. Klettermagazine lagen überall rum, und während des Frühstücks fragte sie nicht: “Wo ist die Butter?” sondern “Weißt Du wohin der Schwerpunkt wandert, wenn ich vom Foothock in den Mantle  übergehe?” “Keine Ahnung, aber ich wird’s heute gleich mal ausprobieren,” sagte ich. Und Sie: “Mannomann, das sind doch Basics, das mußt Du wissen!”

Der Kurs selbst verlief eher überraschend, gelinde ausgedrückt.

 Schon nach 10 Minuten gelang ihr der erste Boulder und am Nachmittag stieg sie ihren ersten Sechser vor.

“Ein absolutes Naturtalent!” jubelte der Lehrer, ein 70-Kilo-Adonis mit Latino-Charme. Wo waren nur diese  schmutzigen, langhaarigen, unmotivierten Typen von Früher geblieben?

Ich dagegen, schien rein gar nichts richtig zu machen. Nicht mal einen hundsordinären 8- Quergang.

Es dauerte einen vollen Tag, bis ich die korrekte Schrittkombination drauf hatte. Glücklicherweise half mir meine Frau dabei, den sie beherrschte diese schon nach einer halben Stunde. “Brava” sagte der Schnulzenfuzzy, “Du haste eine Instinkt für Klettere, Du lernsta alle Basics in drei Tage.”

Gut, wer braucht schon Fußtechnik, wir klettern dynamisch, das kann ich im Schlaf, dachte ich.

Aber dieser Didakticus fummelte so lange an meiner Handposition, Körperstellung und  dem Bewegungsablauf herum, daß ich schon bald nicht mehr wußte, wie man Dynamo schreibt. Es erübrigt sich zu erwähnen, wer das nach dem Kurs besser konnte.

An diese dreitägige Demütigung schloß sich ein viertägiger Shoppingtrip durch alle bekannten Kletterläden an. Schließlich brauchte Sie Material zum Üben. Einen Gurt, Seil, Helm, Schühchen, Magnesiabeutel, passende Klamotten, etc., etc., und jemanden der alles schleppte – mich.

Die folgenden Wochenenden verbrachten wir in den Bergen. Sie übte und wurde ständig besser. Kein Mensch wußte wie sie das machte. Ich dagegen hob nicht mal mehr richtig ab. “Dir fehlt’s am Gefühl, wie allen Männern”,  sagte Sie und ich spielte schon mit dem Gedanken an eine Geschlechtsumwandlung oder zumindest an hochdosierte Östrogengaben, um so vielleicht mal wieder in den Genuß einer 8+ onsight zu gelangen.

Gerade als es mir am allermiesesten ging, knallte Sie zwei Tickets für einen 14-tägigen Blitzurlaub auf Teneriffa auf den Tisch.  – Damit ich auch was davon hätte- “Da gibt’s prima Baseclimbs und auch leichte Sachen. Da findest Du  bestimmt jemanden der Dich sichert.” “Danke, wie aufmerksam. Was machst Du denn?”

“Ich mache den Sportkletterkurs Alpin für Fortgeschrittene ab dem achten Grad, mit Routen zum selber Absichern.” “Ach was!?”

Nach drei Tagen hatte ich es satt meine verlorengegangenen Kletterkünste erfolglos in Anfängerrouten zu suchen. Ich schlich mich mit einem Dornbusch als Tarnung ins Gebirge. Und tatsächlich, mitten in der Wand turnte meine Frau in einer 9- rum, 4 Meter über dem letzten Keil. Sie machte Züge, daß mir die Kinnlade ins zweite Untergeschoß der Unterwäsche fiel.

Zu diesem Zeitpunkt reifte in mir der endgültige Entschluß das Klettern  aufzugeben, denn so konnte das ja nun keinen Spaß mehr machen.

Und so nahm ich schließlich heimlich Golfunterricht, was einen zugegeben groben sportlichen Schnitt darstellte. Mein Lerntempo war erstaunlich hoch und  ich spielte bereits eine 22, als ich mich dazu durchrang es meiner Frau zu gestehen.

“Weißt Du” begann ich, “ich glaube ich hänge das Klettern an den Nagel, Schatz. Irgendwie ist es doch nicht das Richtige für mich.”  Und Sie antwortete zu meiner Überraschung: “So ein Zufall, das will ich nämlich auch. Einen Sport den man so leicht lernt, ist keine Herausforderung für mich. Ich dachte daran mit Golfen anzufangen.” Das traf mich wie  ein Hammer. “Ach ja?” Jetzt ging das schon wieder los. “Genau das wollte ich auch. Wie kommst du darauf?” “Basic Instincts” sagte Sie.

Sie begann zu trainieren und durfte im ersten Jahr nicht mal in die Nähe des Platzes, so schlecht war sie. Und genau das war meine Rettung. Denn fortan war Sie golfbesessen. Und nichts läßt sich besser verbinden als Golf und Klettern. Wie? Sie spielt Golf und ich gehe Klettern.

 

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